Berichte

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Der neue Wesenstest im Realbetrieb

 

Der neue Wesenstest im Realbetrieb
Am 07. und 08.08.2021 fand in St.Leon-Rot der erste Wesenstest nach der neuen Prüfungsordnung statt.

Dadurch ergaben sich bereits im Vorfeld einige Änderungen. Wir konnten uns nicht mehr darauf verlassen, dass der Wesensrichter schön alle Utensilien für den Par-cours mitbringt, sondern mussten selbst aktiv werden und aus einer Liste mit Vor-schlägen die Reize besorgen.

Es sind nun 3 haptische Reize, 3 akustische Reize und 3 optische Reize gefordert. Viele dieser Dinge haben Züchter standardmäßig bei ihren Welpen zur Prägung. Aber für einen Welpen reichen da wesentlich kleinere Ausführungen, als sie für einen erwachsenen Retriever gebraucht werden. Außerdem muss ich mir überlegen, wie ich z.B. ein Riffelblech mit den Maßen 1 m x 2 m transportieren kann. Die wenigsten haben wohl ein Auto mit diesen Kofferraummaßen. Und ich muss das Teil als Frau ja auch noch tragen können. Nicht jeder hat starke Männer parat stehen…
So entschieden wir uns für 4 kleinere Bleche, die wir aneinanderlegen können, einen Rasenteppich, der sich einrollen und eine Plastikplane, die sich falten lässt. Optisch gab es einen Regenschirm, ein Hüpfpferd, einen Bären und akustisch Dosen in einer Stofftasche, Kronkorken in einer Dose und eine Kuhglocke. Speziell bei uns musste das ja alles auch zum Prüfungsgelände in den Wald transportierbar sein.

Die nächste Herausforderung kam in Form des neuen Wesenstestformulars auf uns zu. Gewohnt waren wir die schönen Durchschlagbögen mit Original und Durchschlag für Geschäftsstelle und Wesensrichter. Aber da man bei den neuen Formularen noch mit Änderungen rechnet, bekamen wir sie lediglich als PDF-Datei, die eben ent-sprechend auszudrucken war. Also überlegten wir uns, auf das gute alte Kohlepapier zurückzugreifen, um auch für uns einen Durchschlag zu erzeugen. Allerdings stellte sich dann beim WT heraus, dass man immer damit rechnen musste, dass der Durch-schlag nicht ganz genau markiert war. Auch ein Zusammentackern der Blätter brachte nicht viel. Scheinbar verrutschen die Zeilen schon beim Kopiervorgang minimal. Und da die Ziffern auf dem Beurteilungsbogen recht klein sind, reichte das oft schon aus, dass der Durchschlag nicht mehr eindeutig lesbar war. Also gingen wir dazu über, die Originale mit dem Handy abzufotografieren.

Letztendlich war ich dann aber doch froh um meine Duplikate, da sich herausstellte, dass im Eifer des Gefechtes zwei Seiten nicht fotografiert worden waren. Und die Originale bekamen die Hundeführer ja mit nach Hause. Optimal wäre vielleicht ein Tablet mit entsprechender App, sodass die beim Parcours festgestellten Punktzahlen gleich automatisch als „Spinnennetz“ aufbereitet würden. Der Teilnehmer könnte sein Ergebnis dann auch gleich per Mail erhalten und an die Geschäftsstelle wären die Daten ebenfalls einfach zu versenden. Das Meldesystem hat sich ja inzwischen auch in der papierlosen Form bewährt.

Bei Meldeschluss hatten wir für die vorhandenen 18 Startplätze genau doppelt so viele Meldungen. So viele wie nie zuvor. Und sie kamen aus dem gesamten Bundes-gebiet. Wie dieser Corona-Stau aufzulösen ist? Ich glaube nicht, dass wir von un-seren ehrenamtlichen Wesensrichtern verlangen können, jedes Wochenende irgend-wo einen Wesenstest zu richten. Selbst wenn sich verschiedene Sonderleiter fänden. Da werden wir wohl eine pragmatische Lösung von Verwaltungsseite brauchen.

Das Testwochenende rückte näher, Corona hielt sich auch so weit zurück, dass mit 3 G ein „normales“ Treffen im Freien möglich war. Da wir nun ja schon mehrfach einen Wesenstest abgehalten haben, war der Aufbau am Freitagabend, das Treffen am
St. Leoner-See und die gemeinsame Fahrt in den Wald zum Prüfungsgelände schon Routine. Lediglich den Parcours mussten wir dieses Mal in die andere Richtung führen, da beim nachfolgenden Schusstest der Schütze ja verdeckt stehen sollte und am anderen Ende des Testgeländes nur mäßige Deckung vorhanden war. Auch das Problem, dass der Schütze dann ja nicht mehr sieht, wenn er Zeichen zum Schießen bekommt, konnten wir ganz gut lösen, indem wir einen Helfer so hinter einem Baum postierten, dass er den Richter mit dem Hund kommen sah und das Signal dann an den Schützen weitergeben konnte. Versuche mit Anrufen oder Whatsapp scheiterten daran, dass es „tief“ im Wald bei uns nur sehr selten ein Netz gibt.

Nach dem allgemeinen Begrüßungsteil gab unsere Richterin Birgit Muhr allen Teil-nehmern ohne Hund zunächst die Möglichkeit, den Parcours kennenzulernen und erläuterte, was man beim jeweiligen Objekt an Wesenseigenschaften sehen kann. Ebenso erhielten die Helfer, die für die akustischen Reize noch immer gebraucht werden, genaue Einweisung, wie das jeweilige Teil zu bedienen war. Alle anderen Reize sind im neuen Wesenstest als statische Objekte vorgegeben.

Bei jedem Reiz können bestimmte, vorher definierte Wesensmerkmale beobachtet werden. Wobei die jeweiligen Ausprägungen in jeweils 5 Kategorien unterteilt sind. Diese Kategorien bestimmen sich durch verschiedene Reaktionen, die der Hund in seiner Körpersprache auf diesen Reiz hin zeigt und sind somit eindeutig definiert. Da bleibt einem Richter, denke ich, nicht mehr ganz so viel Spielraum für die Bewertung, die er vorher doch eher noch hatte.

Nicht jeder Hundeführer wird auf Anhieb alle Signale wahrnehmen, die sein Hund zeigt, wenn er einem Reiz ausgesetzt ist. Dafür braucht es schon die gute Ausbil-dung und Erfahrung unserer Wesensrichter, dies innerhalb von Sekunden zu er-kennen. Aber genau auf solche Kleinigkeiten im Ausdrucksverhalten machte uns unsere Richterin Birgit Muhr aufmerksam. Birgit gab auch manch einem Hund die Chance bei einem kurzen Extra-Spaziergang lockerer zu werden. Und die Situation nochmals neu zu erleben. Zeigte der Hund sich dann immer noch ganz anders, als Herrchen oder Frauchen ihn kannten, so hatten sie die Möglichkeit, den Hund noch vor dem eigentlichen Testbeginn zurückzuziehen. Was auch von zwei Teilnehmern des Wesenstest genutzt wurde. Einmal von einer Hündin, die wahrscheinlich recht kurz vor ihrer nächsten Läufigkeit steht und zum anderen von einem gechipten Rüden.

Nachdem die Befragung und Chipkontrolle nun nach genau festgelegten Regularien ablaufen, wird man im Anschluss auf einen Spaziergang mit dem abgeleinten Hund geschickt. Beim Zurückkommen wartete dann schon immer eine 7-köpfige Personen-gruppe, um eine Art Fußgängerzone zu simulieren, durch die der Hundeführer und auch der Hund durchgehen sollen. Diese Situation finde ich persönlich wesentlich realistischer als die frühere Kreisprobe.

Auch das Spielen mit fremden Personen fand ich selbst nie sehr realistisch. Eine entgegenkommende Person, die sich hinhockt und fragt, ob sie den Hund mal strei-cheln darf, entspricht dagegen schon der Realität. Auch im Sinne der Vergleich-barkeit ist die neue Variante durchaus angebracht.

Spielverhalten an sich kann der Hund dann ja mit seinem Frauchen oder Herrchen zeigen. Dass dies dann außer dem Temperament des Hundes, natürlich auch davon abhängt, wie man eben mit seinem Hund umgeht und zu spielen pflegt, ist ja ganz logisch. Da wird jeder Hundeführer andere Prioritäten setzen, die alle ihre Berechti-gung haben und von denen sicher keine besser oder schlechter ist. Und genau das, kann ich später auf einen Blick im Spinnendiagramm ablesen.

Im Parcours-Teil war es dann nicht mehr für alle Zuschauer möglich, das Geschehen zu verfolgen. Hier waren dann normalerweise nur das zu prüfende Team, unsere Richterin und der Schreiber dabei. Allerdings war Birgit auch offen dafür, dass Beo-bachter, die sich einen ersten persönlichen Eindruck vom neuen Wesenstest machen wollten, im Parcours mitgehen konnten. Beispielsweise haben unsere Landesgruppen-
Vorsitzende Petra Beringer und noch einige andere aktive Mitstreiter unserer Landes-gruppe die Chance genutzt, sich vor Ort zu informieren. Der Hund durfte im Parcours immer 3 Aufgaben bewältigen, dann wurde bewertet, bzw. geschaut, welcher Ziffer das jeweils gezeigte Verhalten des Hundes entsprach. Was dann entsprechend auf dem Prüfungsbogen markiert wurde. Bei allen Übungen wurde Schreckhaftigkeit, Unsicherheit und Neugierverhalten bewertet. Nicht immer war eine hundertprozentige Zuordnung möglich. In so einem Fall konnte man aber sicher sein, dass Birgit dann immer für den Angeklagten also pro Hund entschieden hat.

Um mit den einzelnen Übungen nicht durcheinander zu kommen und nichts zu ver-gessen, ist es zwingend notwendig, dass der Richter gerade im Parcours von einem Schreiberling begleitet wird. Anstelle eines Klemmbrettes mit verrutschenden Papier-bögen, wäre das natürlich mit einem Tablet wesentlich professioneller und ergonomi-scher.

Als letztes kam dann der Schuss. Hier ist es nun in der Prüfungsordnung vorge-sehen, dass mit Kaliber 6 mm geschossen wird und dass zwischen den einzelnen Schüssen laut Prüfungsordnung mindestens ein Zeitabstand von 20 Sekunden liegen muss. In dieser Zeit war manch ein Hund schon zweimal beim Schützen und wurde wieder zurückgerufen. Gerade, wenn er in seiner Ausbildung bis dahin schon Gele-genheit hatte, den Schuss mit Beute zu verbinden. Im Gegensatz zu den bisher vor-geschriebenen 9 mm-Schüssen hat man bei den 6 mm einen wesentlich leiseren Knall. Ob man hier trotzdem zuverlässig die Hunde herausfinden kann, die tatsäch-lich schussscheu sind? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Evtl. kann eine Schussempfindlichkeit hier doch unentdeckt bleiben. Und ob diese Hunde dann die Möglichkeit haben sollten, in die Zucht genommen zu werden, sei dahingestellt.

Nachdem dann alle Testsituationen durchlaufen waren, begann die komplizierteste Arbeit des Sonderleiters. Es mussten die ganzen Ergebnisse in den letzten Teil des Protokollbogens, das Spinnennetz, eingetragen werden. Dafür wurden die Ziffern für die jeweilige Wesenseigenschaft auf einem extra Blatt zusammengetragen und das mediane Mittel bestimmt. Das ist nicht einfach der Durchschnitt, wie er jedem geläu-fig ist. So einfach wollte man sich das Ganze dann doch nicht machen. Sondern es werden alle erreichten Punktzahlen einer Wesenseigenschaft sortiert. Wenn die Anzahl der Werte ungerade ist, ist die mittlere Zahl der Median. Wenn die Anzahl der Werte gerade ist, wird der Median meist als arithmetisches Mittel der beiden mittleren Zahlen definiert. Eine wichtige Eigenschaft des Medians ist die Robustheit gegen-über Ausreißern. Also durchaus auch wieder eher positiv, um einen korrekten ersten Eindruck vom Wesen eines Hundes zu bekommen.

Um eventuelle Ausreißer nicht untergehen zu lassen, hat der Richter noch die Mö-glichkeit, in einer kurzen Bemerkung den Hund zu beschreiben, bzw. das, was ihm erwähnenswert scheint.

Allerdings wird dieser Satz nicht mehr die Bedeutung haben, wie dies früher der Fall war. Wenn man sich eine Zeitlang mit der neuen Bewertung beschäftigt hat, wird man wohl immer zuerst das Spinnennetz anschauen, da es auf ganz plastische Weise mit einem Blick erkennen lässt, wo ein Hund evtl. Schwächen oder Stärken hat.

Insgesamt hatten alle Teilnehmer und Zuschauer einen sehr positiven Eindruck von der neuen Wesenstestordnung und deren Umsetzung. Lediglich ein Teilnehmer, der leider nicht bestehen konnte, sah seinen Hund im Testverlauf nicht korrekt beurteilt. Das mag auch daran liegen, dass nach der neuen Prüfungsordnung alle Retriever-rassen gleich bewertet werden. Einem Golden werden jetzt nicht mehr Unsicher-heiten zugestanden, die man bei einem Labbi z.B. nie geduldet hat.  Ob man dies tatsächlich so haben möchte, oder ob man weiter auch vom Wesen her einen Unterschied zwischen den einzelnen Rassen zulassen möchte, der sich auch im Wesenstest widerspiegelt, darüber darf und wird sicher auch noch diskutiert werden.

Völlig diskussionslos dagegen ist und bleibt unsere Richterin Birgit Muhr. Seit Jahren schafft es Birgit, den Teilnehmern und Zuschauern den Blick dafür zu öffnen, was für ein vielschichtiges Ausdrucksverhalten unsere Retriever zeigen können. Birgit versteht es, sowohl auf den Hund als auch auf den Hundeführer einzugehen und ist stets bereit, ihren Eindruck zu erläutern. Wer, wie, was…, wieso, weshalb, warum ...? Wer nicht fragt, bleibt dumm! In diesem Sinne, liebe Birgit, ein herzliches Danke-schön für Dein faires, offenes Richten. Danke dafür, dass Du von Freitag bis Sonntag für fremde Hunde hunderte von Kilometern fährst, den ganzen Tag im Wald stehst, nicht mal kurz hinter die Büsche gehst, nichts großartiges ißt und trinkst und trotzdem immer gutgelaunt und aufgeschlossen bist! Wir freuen uns sehr darauf, wenn Du nächstes Jahr wieder bei uns richtest!
(Sonderleiter Werner Baureis und Karin Feuerstein)

Fotos (von Karin Feuerstein) unter:
https://www.dropbox.com/sh/cac4nynioatq2a2/AAD6jG6EXvQjAA9k_9ryitGSa?dl=0